Erinnerung ist eine Zumutung an uns

SuS

Lasst uns solidarisch sein.

Miteinander. Wir, die hier stehen.

Mit denen, die fehlen.

Mit denen, die angegriffen werden

Wir stehen heute hier am Mahnmal.

An einem Ort, der nichts beschönigt

und nichts erklärt,

sondern erinnert.

Der 27. Januar ist ein Tag des Gedenkens

an die Millionen Menschen,

die entrechtet, deportiert

und ermordet wurden.

Nicht im Chaos,

sondern organisiert.

Nicht zufällig,

sondern systematisch.

Gedenken ist wichtig.

Weil es den Ermordeten ihre Würde zurückgibt.

Weil es der Logik der Täter widerspricht,

die Menschen zu Nummern machen wollten,

austauschbar, vergessbar, ausgelöscht.

Gedenken hält fest:

Diese Menschen haben gelebt.

Sie wurden ermordet.

Und sie werden nicht ausgelöscht aus unserer Erinnerung.

Aber Gedenken darf nicht folgenlos bleiben.

Theodor W. Adorno hat nach Auschwitz einen Satz formuliert,

der bis heute unbequem ist:

Die wichtigste Aufgabe nach Auschwitz sei,

die Wiederholung zu verhindern.

Das ist kein pädagogischer Satz.

Das ist eine politische Zumutung.

Denn er sagt uns:

Erinnern reicht nicht,

wenn es uns nicht verändert.

Wenn wir gedenken,

aber unser Denken und Handeln davon unberührt bleibt.

Adorno warnt davor, Auschwitz als Ausnahme zu behandeln,

als Abirrung vom Lauf der Geschichte.

Er zeigt:

Barbarei entsteht nicht außerhalb der Zivilisation,

sondern in ihr.

Dort, wo Menschen sich anpassen,

wo sie Verantwortung abgeben,

wo sie wegsehen

und Aggression nach unten weiterreichen.

Erziehung nach Auschwitz heißt deshalb nicht:

mehr Rituale,

mehr wohlmeinende Worte

oder abstrakte Werte.

Erziehung nach Auschwitz heißt:

Menschen zu befähigen,

sich selbst zu reflektieren.

Nein zu sagen.

Nicht mitzumachen.

Nicht zu schweigen,

wenn Ausgrenzung wieder normal wird.

Dieses Mahnmal erinnert nicht nur an die Toten.

Es richtet sich an uns.

An unser Verhalten im Alltag.

An unseren Widerspruch

oder unser Schweigen.

Erinnerung ist kein Abschluss.

Sie ist eine Verpflichtung.

Und sie endet nicht hier,

sondern in dem,

was wir tun.

Erinnerung zählt nur,

wenn sie Konsequenzen hat.

Der Holocaust war ein einzigartiges Verbrechen. Aber Auschwitz war kein Ausrutscher der Geschichte.

Es entstand dort,

wo Menschen sich angepasst haben.

Wo Menschen geschwiegen haben

Wo Menschen nach unten getreten

und nach oben gehorcht haben.

Erziehung nach Auschwitz heißt nicht:

mehr Worte.

mehr Rituale.

mehr gutes Gewissen.

Es heißt:

nicht mitmachen.

nicht wegsehen.

nicht neutral sein.

Dieses Mahnmal ist kein Ort zum Abhaken.

Es ist eine Zumutung an uns.

Hier.

Heute.

Was wir daraus machen,

entscheidet sich nicht am 27. Januar.

Sondern im Alltag.

Dieses Mahnmal ist kein Abschluss.

Es ist eine Aufforderung.

Lasst uns solidarisch sein.

Miteinander. Wir, die hier stehen.

Mit denen, die fehlen.

Mit denen, die angegriffen werden.

 

Mit diesem Appell an uns alle endete der Redebeitrag von 

Die Linke Harburg-Land, vorgetragen durch Susanna Schreiner